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Das Kino von Nagisa Oshima

oshima_1.jpegNagisa Oshima ist die führende Figur des “Neuen Japanischen Kinos” der 1960er und 70er Jahre und war massgeblich daran beteiligt, das Japanische Kino aus den starren Strukturen der Studios zu lösen und zu erneuern. So hat er sich schon früh mit seinem Studio zerstritten, sich unabhängig gemacht und war an praktisch allen seinen Filmen auch als Produzent beteiligt. Später musste er für die Produktion sogar auf ausländische Hilfe zurückgreifen, da für die Themen seiner Filme in Japan nur schwer Geld zu beschaffen war.

Dank einer Retrospektive seiner Werke, die im Moment auf einer Tour um die Welt ist und im Filmpodium einen Zwischenstopp einlegte, konnte ich eine ganze Reihe seiner Filme aus allen seinen Schaffensperioden bewundern. Insgesamt habe ich es geschafft, acht seiner Filme zu sehen, und war jedes Mal beeindruckt: Oshimas Filme sind schön gefilmt, musikalisch erstklassig unterlegt, behandeln aber vor allem brisante Themen auf eine unübertroffene differenzierte, scharfe und menschliche Weise.

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Geboren 1932 in Kyoto studierte Oshima Rechtswissenschaften, fand nach abgeschlossenem Studium aber keine Stelle, da er sich während dem Studium in linken Studentenbewegungen engagiert hatte. So bekam er eher zufällig eine Stelle als Regieassistent bei Schochiku und konnte 1959, mit 27 Jahren, das erste Mal Regie führen.

Oshimas Handschrift und Genius liegt im seinen scharfen Blick für Menschen und Personen sowie seinem Interesse für grundsätzliche und brisante Themen. Anstatt diese auf einer theoretischen Ebene sachlich abzuhandeln, wie man es sich von westlichen Filmen eher gewöhnt ist, behandelt er seine Themen immer exemplarisch durch Menschen, die seinen Filmen durch ihren Facettenreichtum eine unglaubliche Kraft geben.

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Oshima während den Dreharbeiten zu Empire of the Passions.

So reichen die Themen seiner Filme von Rasissmus (The Catch) über Kindesmisshandlung (The Boy), sinnentleerten Zeremonien (The Ceremony), der zerstörerischen Kraft von Leidenschaft (In the Empire of the Senses), wer Recht hat im Krieg (Merry Christmas Mr Lawrence) zu der Unmöglichkeit auch in den starrsten Strukturen Gefühle zu unterdrücken (Tabu).

Oshima macht es sich dabei niemals einfach. In seinen Filmen gibt es keine Unterscheidung zwischen guten und schlechten Menschen. Vielmehr zeigt er seine Figuren als getrieben durch ihre Vergangenheit und Hoffnungen – gefangen in sozialen und gesellschaftlichen Strukturen. Gerade der Kontrast zwischen dieser menschlichen Bodenständigkeit und den spektakulären Themen, die er aufgreift, macht die Faszination seiner Filme aus. Sie sind weder reisserisch noch pathetisch, schauen aber in die Abgründe der Menschheit und vergessen dabei nie, dem Guten sowie dem Bösen, dem Schönen sowie dem Hässlichen seinen Raum zu geben.

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David Bowie in Merry Christmas Mr Lawrence.

Wobei seine Filme aber keineswegs einfach zu schauen sind. Nicht nur wegen der Thematik, die sich oft nicht für einen gemütlichen Filmabend eignen, sondern auch weil er den Zuschauer niemals bevormundet und ihm die Antworten nicht vorgeschnitten serviert. Zwar lässt sich Oshima viel Zeit in seinen Filmen für viele kleine Gesten und Momente, doch lässt er oft gerne vieles in der Schwebe oder nur angeschnitten. Seine Filme erzählen mehr als nur genug um selber den Schlussstrich ziehen zu können, doch wird dieser von Oshima meist nur angedeutet und ist offen für viel Interpretation. Oshimas Filme müssen geschaut werden – im eigentlichen Sinn des Wortes – sonst verpasst man schnell die feine Handlung seiner Filme.

Wobei es Oshima kaum darum geht, seine Filme möglichst anspruchsvoll zu machen. Vielmehr stellt Oshima seine Figuren und Gedanken in filmischer Form aus, anstatt mit seinen Filmen eine klare Absicht zu verfolgen. Wo er Dinge auslässt, liegt das mehr daran, dass er sich im Rahmen des Filmes dafür nicht interessierte oder für ihn die Antwort auch nicht gegeben war.

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Szene aus The Boy.

Viele Leute scheinen seine Filme aber klar zu überfordern, anders kann ich mir zumindest die konstante Unterbewertung seiner Filme auf IMDB und etlichen Kommentare, die von Langeweile und Unverständnis zeugen, nicht erklären.

1996 erlitt Oshima einen ersten Hirnschlag und musste seinen letzten Film im Rollstuhl und mit der Hilfe seines Sohnes drehen. Seither hat er noch zwei weitere Hirnschläge erlitten, was weitere Filme sehr unwahrscheinlich macht.

Für mich war die Retrospektive im Filmpodium aber eine Offenbarung. Schon etliche Jahre bin ich treuer Besucher ihrer Programme (oft auch von japanischen Regisseuren) und noch keines hat mich so durchwegs überzeugt wie die Filme von Oshima. Schade, ist sie nun schon vorbei, schade, dass ich nicht alle 15 Filme sehen konnte, schade, dass sich das Filmpodium 12 weitere Filme von Oshima wegen den horrenden Preisvorstellungen der Japaner nicht leisten konnte, und schade, dass sein Werk nur begrenzt auf DVD erhältlich ist. Hoffentlich kann die Retrospektive hier etwas ändern.

von Adrian am 14.02.2010 in Film, Japan
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Ein Kommentar

[...] einige lauwarme aber unterhaltende Filme und eine ganze Menge grossartiger Entdeckungen. Über Nagisa Oshima und Nobuhiro Yamashita habe ich an dieser Stelle schon geschrieben, hier geht es aber um die 20 [...]

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